Nichts wirkt mehr: Der stille Wettlauf gegen Resistenzen

Antibiotika sind essenziell für die moderne Medizin. Resistenzen stellen jedoch eine wachsende Bedrohung dar und erfordern dringende Lösungen, um ihre Wirksamkeit langfristig zu sichern.

Labor – Leitender Wissenschaftler im Bereich Forschung und Entwicklung für Atemwegserkrankungen in Stevenage/Großbritannien

Antibiotika sind seit Jahrzehnten unverzichtbar für die moderne Medizin. Sie machen Operationen sicher, helfen bei der Bekämpfung von Krebs und retten Menschenleben bei Infektionen, die früher tödlich waren. Doch diese Errungenschaften sind bedroht, denn antibiotikaresistente Bakterien breiten sich immer weiter aus. Die Folgen könnten unsere Gesundheitssysteme, die Wirtschaft und die Gesellschaft tiefgreifend erschüttern. Die Frage ist: Können wir der stetigen Entwicklung von Resistenzen einen Schritt voraus sein? Die Antwort liegt in gemeinsamen Lösungen und entschlossenem Handeln.

Wenn Antibiotika nicht mehr wirken: Ein weltweites Problem

Bakterien können sich an Antibiotika anpassen und Resistenzen entwickeln – das ist ein natürlicher Prozess. Doch der unsachgemäße Einsatz dieser Medikamente beschleunigt diese Entwicklung. Sei es durch übermäßige Verschreibung, falsche Dosierung, unsachgemäße Einnahme oder den exzessiven Einsatz in der Tierhaltung. Dadurch können resistente Bakterienstämme überleben und sich weiterverbreiten.

Ein typisches Beispiel sind unkomplizierte Harnwegsinfektionen (uHWI), die Millionen Frauen weltweit betreffen. Über die Hälfte aller Frauen erkrankt im Laufe ihres Lebens mindestens einmal an einer UTI.1 Ein Drittel dieser Patientinnen erlebt wiederkehrende Infektionen, die durch resistente Erreger ausgelöst werden können.2

Das vermehrte Auftreten von Harnwegsinfekten und Fälle von Therapieversagen stellen nicht nur ein gesundheitliches Risiko dar, sondern beeinträchtigen auch die Lebensqualität der Betroffenen erheblich. Studien zeigen, dass Patientinnen oft mit Frustration und Angst reagieren, wenn Standardtherapien versagen und keine nachhaltige Lösung in Sicht ist.3

Von harmlos zu lebensbedrohlich

Die Auswirkungen von Antibiotikaresistenzen gehen jedoch weit über individuelle Erkrankungen hinaus. Eine Welt ohne wirksame Antibiotika würde uns in ein „medizinisches Mittelalter“ zurückversetzen, in dem einfache Wundinfektionen, Blasen- oder Lungenentzündungen wieder tödlich enden könnten. Der medizinische Fortschritt – von Operationen über Geburten bis hin zu Chemotherapien – stünde auf dem Spiel. 

Die Zahlen sind alarmierend: 2019 wurden allein in Deutschland 45.000 Todesfälle assoziiert mit antibiotikaresistenten Erregern verzeichnet, davon knapp 10.000 unmittelbar aufgrund eines resistenten Erregers.4

Weltweit wird bis zum Jahr 2050 mit bis zu 10 Millionen Todesfällen jährlich gerechnet.5 Diese Krise hat auch erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen: In den OECD-Ländern beläuft sich der geschätzte ökonomische Schaden auf 66 Milliarden Dollar pro Jahr.6

Gleichzeitig stagniert die Entwicklung neuer Antibiotika. Seit 2007 wurde keine neue Antibiotikaklasse mehr zugelassen7, und die globale Pipeline umfasst aktuell nur 27 experimentelle Antibiotika gegen prioritäre Erreger.8 Von diesen erfüllen lediglich sechs die Innovationskriterien der WHO.7 Dieser Rückgang ist teilweise darauf zurückzuführen, dass Unternehmen wegen der hohen Kosten und Risiken aus der Antibiotikaforschung ausgestiegen sind – ein ernstes Problem, das dringend angegangen werden muss. 

Neue Lösungen für alte Probleme

Die Forschung an neuen Antibiotika ist teuer und riskant, gleichzeitig sollen neue Antibiotika so sparsam wie möglich eingesetzt werden, um die Entstehung neuer Resistenzen zu vermeiden. Deshalb braucht es innovative Ansätze, die einen ausreichenden Marktanreiz darstellen. Ein Beispiel sind Abomodelle, wie sie bereits in UK oder Australien umgesetzt werden.

In Deutschland gibt es den sogenannten Reservestatus für bestimmte Antibiotika. Dieser Status ermöglicht freie Preisbildung bei gleichzeitiger Anwendung von Mengenbegrenzungen. Außerdem werden Vorschriften zur qualitätsgesicherten Anwendung vorgenommen, damit Reserveantibiotika nur dann eingesetzt werden, wenn es medizinisch notwendig ist. 
Derzeit wird auf EU-Ebene über sogenannte Exklusivitätsgutscheine diskutiert, die den finanziellen Anreiz für die Entwicklung neuer Antibiotika erhöhen sollen. Doch um ihre volle Wirkung zu entfalten, müssen solche Maßnahmen durch nationale Mechanismen ergänzt werden. 

Abomodell

Die Wirtschaftlichkeit bei der Antibiotika-Herstellung steht vor einer besonderen Herausforderung: Einerseits müssen Antibiotika sehr sparsam eingesetzt werden, damit Bakterien keine Resistenzen entwickeln. Andererseits lohnt sich dann die teure Entwicklung neuer Antibiotika nicht mehr. Denn je seltener ein Medikament verwendet wird, desto weniger Einnahmen werden generiert. Eine feste Zahlung ähnlich wie ein „Netflix-Abo-Modell", kann diese Lücke schließen, unabhängig davon, wie oft das Antibiotikum verschrieben wird. So bleibt die Entwicklung neuer Antibiotika auch bei sparsamem Einsatz wirtschaftlich machbar.

Reservestatus

Manche Antibiotika sind besonders stark und wirken auch gegen gefährliche, multiresistente Bakterien. Diese bekommen einen „Reservestatus“ – und werden, wie ein Notfall-Werkzeug nur dann eingesetzt, wenn nichts anderes mehr hilft. Ärzte dürfen sie nur in echten Notfällen verwenden, das heißt bei Vorliegen von multiresistenten Infektionen, damit Bakterien keine neue Resistenz dagegen entwickeln.

Für Reserve-Antibiotika dürfen Hersteller den Preis selbst bestimmen. Allerdings nur für eine begrenzte Menge, damit das Medikament nicht zu oft eingesetzt wird. Ob ein Antibiotikum den Reservestatus bekommt, hängt nicht davon ab, wie neu oder innovativ es ist. Das bedeutet: Der Reservestatus sorgt zwar für einen verantwortungsvollen Umgang mit vorhandenen Wirkstoffen, fördert aber nicht automatisch die Entwicklung neuer Antibiotika. Dabei braucht es beides - Schutz bestehender Wirkstoffe und Anreize für neue.

Exklusivitätsgutscheine

Ein Exklusivitätsgutschein funktioniert wie eine Belohnung für Unternehmen, die ein neues Antibiotikum entwickeln. Die Firma bekommt einen „Gutschein", mit dem sie ein Medikament ein Jahr länger alleine verkaufen darf – entweder das neue Antibiotikum selbst oder ein anderes Medikament aus ihrem Portfolio. Die Firma kann den Gutschein auch an andere verkaufen. Das ist besonders für kleine Forschungsfirmen wichtig, die nur wenige Arzneimittel herstellen. So können Einnahmen generiert werden, obwohl Antibiotika absichtlich selten verwendet werden. 

Fazit: Antibiotika retten Leben – jetzt müssen wir sie retten

Der Wettlauf gegen Antibiotikaresistenzen ist ein Kampf, den wir nicht verlieren dürfen – denn er betrifft uns alle. Politik, Forschung und Industrie müssen gemeinsam handeln, um marktgerechte Anreize zu schaffen und die Entwicklung neuer Antibiotika zu fördern. Innovative Rahmenbedingungen, wie Abomodelle und der Reservestatus, bieten Ansätze, für nachhaltige Lösungen. 

Antibiotika sind mehr als Medikamente – sie sind der Schlüssel zu einer funktionierenden Gesundheitsversorgung und einem lebenswerten Alltag. Die Sicherung ihrer Wirksamkeit ist nicht nur eine Frage der Medizin, sondern eine gesellschaftliche und politische Aufgabe, die entschlossenes Handeln erfordert.