Lesertelefon „Reisegesundheit“ vom 26. April zur Europäischen Impfwoche 2018

„Gesundheit auf Reisen beginnt mit einem Impfausweis-Check“
Hepatitis, Tollwut, Zeckenstich: Tipps vom Reisemediziner

Den Urlaub unbeschwert genießen – dazu gehört auch die Sicherheit, während der schönsten Zeit des Jahres gesund zu bleiben. Häufig beschränken sich Reiselustige beim Thema Gesundheitsschutz jedoch auf die Sonnencreme im Urlaubsgepäck.

von links nach rechts: Dr. med. Albrecht von Schrader-Beielstein; Prof. Dr. med. Karl-Heinz Herbinger; Prof. Dr. med. Tomas Jelinek

Je nach Reiseziel bestehen allerdings unterschiedliche Risiken, sich mit Krankheitserregern zu infizieren, denen der Körper ohne entsprechenden Schutz wenig entgegensetzen kann. Das betrifft exotische Fernreiseziele ebenso wie den vermeintlich harmlosen Badeurlaub am Mittelmeer oder die Wanderung im Bayerischen Wald. Wie sich Reisende vor unliebsamen Urlaubssouvenirs schützen, das verrieten erfahrene Reisemediziner am Lesertelefon anlässlich der Europäischen Impfwoche der Weltgesundheitsorganisation WHO. Die wichtigsten Fragen und Antworten gibt es hier zum Nachlesen:

Bei der Terminvereinbarung sagte mir die Reisemedizinische Praxis, ich solle meinen Impfpass mitbringen. Warum?
Prof. Karl-Heinz Herbinger: Weil aus Ihrem Impfpass hervorgeht, gegen welche Krankheiten Sie bereits einen Impfschutz aufgebaut haben. Das betrifft zum einen die von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlenen Standardimpfungen, zum anderen so genannte Indikations- und Reiseimpfungen sowie beruflich notwendige Impfungen. Ein lückenloser Impfschutz bei den Standardimpfungen ist die Grundlage, auf der die je nach Reiseziel sinnvollen Impfungen aufbauen. Zusätzlich berät der Reisemediziner zu weiteren Maßnahmen wie zum Beispiel Mückenschutz, Trinkwasser- und Lebensmittelqualität oder eventuell notwendigen Medikamenten für die Reise. Damit Impfungen ihre volle Wirkung entfalten können, sollte Ihr Termin beim Reisemediziner mindestens vier bis sechs Wochen vor Urlaubsbeginn liegen.

Mein Hausarzt empfiehlt, dass ich mich vor dem Italienurlaub gegen Hepatitis A impfen lassen soll. Ist das wirklich sinnvoll?
Dr. Albrecht von Schrader-Beielstein: Auf jeden Fall! Nach wie vor gehört der gesamte Mittelmeerraum zum Risikogebiet für eine Hepatitis A-Infektion. Das Virus kann in verunreinigtem Trinkwasser und in kontaminierten Lebensmitteln vorkommen. Salate, Obst, Eistee, Eiswürfel, Meeresfrüchte und Muscheln sind mögliche Ansteckungsquellen. Es verbreitet sich leicht und kann eine akute Leberentzündung hervorrufen. Da es schwierig ist, den Kontakt mit dem Virus sicher zu vermeiden, empfehlen wir bei Reisen in Risikogebiete eine entsprechende Schutzimpfung.

Und wie sieht es mit dem Schutz vor Hepatitis B aus?
Dr. von Schrader-Beielstein: Anders als Hepatitis A-Viren wird die Hepatitis B-Infektion über Körperflüssigkeiten übertragen. Ein großer Teil der Infektionen geht auf Sexualkontakte zurück. Aber auch durch Verunreinigungen bei beispielsweise Tätowierinstrumente, Zahnarztbesteck oder Friseurscheren sind eine mögliche Quelle für eine Hepatitis B-Infektion. Die Erkrankung führt bei etwa jedem zehnten Patienten zu einer chronischen Leberentzündung mit dem weiteren Risiko einer Leberzirrhose. Zudem ist das Risiko für Leberkrebs um den Faktor 100 höher als in der Normalbevölkerung. Einziger sicherer Schutz ist auch hier eine Impfung. Für Kinder gehört die Hepatitis B-Impfung übrigens seit 1995 zu den in Deutschland empfohlenen Standardimpfungen.

In asiatischen Ländern gibt es oft streunende Hunde. Soll ich mich vor der Reise gegen Tollwut impfen lassen?
Prof. Jelinek: Das Besondere an Tollwut ist, dass die Krankheit ohne rechtzeitige medizinische Hilfe in Form der sogenannten Post-Expositionsprophylaxe immer tödlich verläuft. Dabei muss der Impfstoff gegen Tollwut innerhalb von 24 Stunden nach der Infektion verabreicht werden. Die WHO geht von jährlich etwa 59.000 Todesfällen durch Tollwut aus, wobei in über 90 Prozent der Fälle ein Hundebiss die Ansteckungsursache ist. Besonders in Asien und Afrika ist die Tollwut verbreitet, sie kommt aber bei bestimmten Fledermausarten auch in Europa vor. Die Impfung ist für Kinder und Erwachsene sinnvoll, die in Risikogebiete reisen – und sie ist der einzige wirksame Schutz.

Was hilft gegen Reisedurchfall?
Prof. Jelinek: Das kommt auf die Ursache des Durchfalls an. Die „klassische“ Reisediarrhoe beginnt meist schon nach wenigen Reisetagen, dauert in der Regel etwa drei bis fünf Tage an. Wichtig ist dabei, den Flüssigkeitsverlust auszugleichen! Allerdings kann ein heftiger Durchfall, besonders in Begleitung von Fieber, auch die Folge zum Beispiel einer Malariaerkrankung sein. Dann sollten Sie schnellstmöglich einen Arzt aufsuchen, denn ohne rechtzeitige medizinische Hilfe kann die Erkrankung tödlich verlaufen. Gegen Malaria hilft konsequenter Mückenschutz oder – je nach Reiseziel, -zeit und Dauer – eine medikamentöse Prophylaxe. Informationen dazu finden Sie bei der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit unter www.dtg.org.

Ich plane eine Trekking-Tour in Indonesien. Wie sieht es dort mit dem Typhus-Risiko aus?
Prof. Jelinek: Typhus ist nach wie vor überall dort ein Problem, wo Hygienestandards und Lebensmittel- und Trinkwasserqualität niedrig sind, wie z.B. in südostasiatischen Ländern. Die Krankheit wird durch Bakterien hervorgerufen, die über infizierte Nahrungsmittel oder Schmierinfektionen bei akut Erkrankten übertragen werden. Symptome sind langsam steigendes Fieber bis über 40 Grad, Hustenreiz, Verstopfung, danach Durchfälle. Komplikationen wie Darmblutungen, Hirnödem, Entzündungen von Bauchhaut, Gallenblase und Herzmuskel sind möglich. Zwar ist die Behandlung mit Antibiotika möglich, aber wegen zunehmender Resistenzen aufwendig. Zeitlich befristeten Schutz vor einer Ansteckung bietet eine Schluck- oder Injektionsimpfung.

Stellen Krankheiten wie die Japanische Enzephalitis für „normale Pauschaltouristen“ tatsächlich ein Risiko dar?
Prof. Herbinger: Die Japanische Enzephalitis kommt in ländlichen Gebieten Asiens vor und wird durch ein Virus verursacht, das über einen Mückenstich übertragen werden kann. Mücken machen keinen Unterschied zwischen Einheimischen und Touristen. Insgesamt mag das Risiko einer Infektion und eines tatsächlichen Krankheitsausbruchs gering sein, aber es existiert keine wirksame spezifische Therapie. Mögliche Folgen der Erkrankung sind Krampfanfälle, Lähmungen und geistige Behinderung – rund 15.000 Menschen sterben jährlich an dieser Form der Hirnhautentzündung. Ihr Reisemediziner wird Sie vor Reiseantritt beraten, ob eine Impfung für Ihre Urlaubsziel sinnvoll ist.

Ist die Impfung gegen Gelbfieber freiwillig oder vorgeschrieben?
Prof. Herbinger: In welchen Ländern die Gelbfieber-Impfung verpflichtend ist, erfahren Sie bei der reisemedizinischen Beratung. Die Impfung darf nur von dafür zugelassenen Impfärzten verabreicht werden, muss im gelben internationalen Impfausweis eingetragen, vom Impfarzt unterzeichnet und beglaubigt sein. Wichtig: Die Impfung muss mindestens zehn Tage vor Einreise ins Risikogebiet verabreicht werden. Ansonsten kann die Einreise verweigert werden. Ein Verzeichnis der Gelbfieber-Impfstellen finden Sie beim Centrum für Reisemedizin unter www.crm.de.

Mücken übertragen eine ganze Reihe schwerer Krankheiten – wie schütze ich mich vor ihnen?
Prof. Jelinek: Drei konsequent angewendete Maßnahmen helfen, sich die gefährlichen Plagegeister vom Leib zu halten: Schlafen Sie immer unter einem mit Permethrin imprägnierten Mückennetz mit der richtigen Maschengröße, tragen Sie speziell imprägnierte, mückendichte Kleidung und verwenden Sie einen Hautschutz mit DEET für unbedeckte Hautpartien. Ansonsten ist es hilfreich zu wissen, wann die Mücken aktiv sind, um eine entsprechende Tagesplanung vorzunehmen. Bedenken Sie auch, dass gegen viele der von Mücken übertragene Krankheiten eine Impfung schützt, nicht aber zum Beispiel gegen Dengue-Fieber oder eine Zika-Virus-Infektion.

Gibt es denn mittlerweile eine Impfung gegen Malaria?
Prof. Herbinger: Leider nicht für Reisende, sondern nur für Menschen, die in den betroffenen Entwicklungsländern leben. Deshalb zählt auch hier der bestmögliche Schutz vor Mückenstichen. Nach sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiken kommt auch eine medikamentöse Prophylaxe infrage.

Helfen Insektenschutzmittel auch gegen Zecken?
Dr. von Schrader-Beielstein: Nur bedingt und kurzzeitig. Zudem laufen Zecken unter Umständen lange auf der Kleidung herum, bis sie eine geeignete Hautstelle finden. Wichtig ist es, den Körper immer nach einem Aufenthalt im Freien abzusuchen, damit Sie eine Zecke möglichst rasch wieder entfernen können. Dazu verwenden Sie am besten eine Zeckenzange, Zeckenkarte oder Pinzette und ziehen die Zecke langsam nach oben aus der Haut heraus. Zecken bevorzugen Hautfalten, etwa unter den Achseln, hinter dem Ohr, in Kniekehlen oder in der Leistengegend. Suchen Sie also überall gründlich nach!

Übertragen alle Zecken Krankheiten?
Dr. von Schrader-Beielstein: Es sind vor allem zwei Krankheitserreger, die von Zecken übertragen werden können: Borreliose-Bakterien und das FSME-Virus. Bei der Borreliose können nach zwei bis vier Wochen grippeähnliche Beschwerden und Gelenkschmerzen auftreten, in seltenen Fällen auch Lähmungen und Hirnhautreizungen. Die Borreliose lässt sich bei rechtzeitiger Diagnose gut mit Antibiotika behandeln. Die Frühsommer-Meningoenzephalitis führt ebenfalls zu grippalen Symptomen und Fieber, in 10 Prozent der Fälle kommt es zu einer Entzündung der Hirnhaut oder von Hirnzellen, die zu neurologischen Ausfällen bis hin zu Koma und Tod führen können. Im Gegensatz zur Borreliose gibt es gegen die FSME einen Impfschutz. Die aktuellen Verbreitungsgebiete von Zecken mit FSME-Viren finden Sie beim Robert Koch-Institut unter www.rki.de.

Die Experten am Lesertelefon waren:

  • Prof. Dr. med. Tomas Jelinek; Medizinischer Direktor des BCRT Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin, wissenschaftlicher Leiter des CRM Centrum für Reise- und Tropenmedizin Düsseldorf, Lehrbeauftragter der Universität zu Köln
  • Prof. Dr. med. Karl-Heinz Herbinger; Facharzt für Arbeitsmedizin, Tropenmedizin, Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin, Ludwig-Maximilians-Universität München
  • Dr. med. Albrecht von Schrader-Beielstein; Allgemeinarzt und Arzt für Naturheilverfahren, Praxis für Reise- und Tropenmedizin, Wörthsee bei München